Norwegen Teil 2 -30.7.2018

Senja empfängt uns mit Regen und tiefhängenden Wolken. Schade, weil wir vorerst nichts von der grandiosen Bergwelt sehen.
Wir setzen über auf die Insel Andöya zum Hafen von Andenes, erkunden die Insel und machen eine Walsafari mit. Die Pottwale sind hier nahe der Küste zu beobachten. Wir sehen 2 Exemplare, die weithin sichtbar ausblasen und dann beim nächsten Tauchgang auf minus 1000 Meter zuletzt elegant die riesige Schwanzflosse zeigen. Das löst bei uns Touristen ekstatisches Drücken auf die Auslöser der Kameras aus. Länger können wir eine Gruppe von 8 Grindwalen genauso bestaunen, wie sie uns.

Zurück auf Senja ist auch hier nun blauer Himmel und die Sonne strahlt in die tiefen Fjorde. Über Finnsnes erreichen wir am letzten Abend in Norwegen Tennes am Balsfjorden. Die kleine Straße endet an einer Kirche und einem kleinen Fischerhafen, der einen traumhaften Übernachtungsplatz bietet. Es ist noch um 17h30 30 Grad warm und wir schwimmen kurz im frischen Meer zur Abkühlung.

Überhaupt scheint uns wir haben die falsche Garderobe mit. Anneliese durchwühlt zum 2. Mal erfolglos das Wäschekastl auf der Suche nach einem Trägerleibchen. Nachdem ich in der Steiermark bei Sigrid und Klaus deren Film über ihre Skandinavienreise sah, schärfte ich meiner fürs Einpacken zuständigen Partnerin ein, nur ja genug warme Unterwäsche, Daunenjacken, Überhosen, usw. mitzunehmen. Das war schon richtig und wir haben es ja auch gebraucht. Heuer stöhnte ganz Skandinavien und russisch Karelien über viele Tage über Trockenheit und Hitze. Der Klimawandel mit abschmelzenden Gletschern, mit durch Trockenheit gestresste Pflanzen, zum Skelett abgemagerte Eisbären und mückengeplagte Herden lässt sich auch hier nicht mehr leugnen. Fehlende Trägerleibchen sind da das kleinste Problem.

Über die E 8 reisen wir beim 3 Ländereck in Finnland ein und halten uns in Richtung Botnisches Meer. Aber das wird eine andere Geschichte.

In Kirkenes brauchen wir erst mal Geld um unseren Kühlschrank wieder zu befüllen, den wir an der Grenze ausräumen mussten. Die Höhe der neuen Preise sind für uns nach Russland erst einmal gewöhnungsbedürftig.

Wir machen uns auf zur Varangerhalbinsel und fahren ab Vardö auf schmaler Straße durch eine bizarre Felswelt nach Hamningsberg, einem aufgegebenen Fischerdorf.

Da uns das Nordkap als überlaufener trostloser Asphaltplatz inclusive Touristennepp geschildert wurde, beschließen wir stattdessen den nördlichsten Festlandpunkt Europas anzusteuern. An der Nordspitze steht der Leuchtturm Slettnes Fyr umgeben von atemberaubender Landschaft. Im Cafe daneben essen wir die fantastischen Waffeln. Wir wandern zum ehemaligen Dorf Steinvag und zu einem uralten Steinlabyrinth. Die Sami glaubten, dass sich darin gefährliche Stürme einfangen ließen. Sie waren ja Fischer -, Wal- und Robbenjäger. Im Eismeer ein gefährlicher Job. In der Fischfabrik wurde der angelieferte Fang zu Stockfisch luftgetrocknet und in die halbe Welt, sogar bis Afrika verschifft.
Auf dem Weg entlang der Küste konnten wir Kegelrobben beim Spielen beobachten.

Nächster Halt: Hammerfest. Ein wichtiger eisfreier Hafen und Umschlagplatz. 1944 völlig von der Wehrmacht zerstört wurde es neu erbaut und erlebt einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Gas- und Ölfelder in der Nordsee. Neben den Fischtrawlern tummeln sich im Hafen Versorgungsschiffe für die Ölförderung der Firma Eni. Es gibt eine Gasverflüssigungsanlage und es gibt Arbeit für viele in der Stadt und auf den Bohranlagen draußen. Die Arbeiter sind mit ihren Familien zugezogen und leben in Wohnblöcken und Reihenhäusern. Viele kommen von weit her. An unserem Übernachtungsstrand etwas außerhalb treffen wir auf eine Gruppe Frauen aus Somalia samt Kindern. Die Männer arbeiten für die Öl Kompanie. Die Frauen erzählen Annelies sie hätten ein gutes Leben, schöne Wohnungen, einen Kindergarten und die Männer verdienen gutes Geld. Nur der Winter ist für sie unvorstellbar hart mit dieser Dunkelheit und den kalten Stürmen.

Auf der E 6 Richtung Tromsö finden wir einen Schlafplatz hoch über den Fjord mit Traumaussicht. Wegen dieser sind hier auch Wehrmachtspunker rund herum, die auch hier der „Verteidigung des deutschen Vaterlandes“ dienten. Vorne an der Straße stehen Souvenirhütten der Sami. Sie verkaufen Andenken, Handwerk, Felle und Kitsch. Bei Anders Nils Eira kaufen wir eine CD mit Sami Musik. Anders Nils ist selbst der Interpret. Der lautmalerische Gesang ist vom Vater auf den Sohn gekommen. Es klingt als wären es Rufe in der Wildnis, vielleicht zur entfernten Verständigung. Irgendwie hört man förmlich das Getrappel der Rentierherde. Es klingt ähnlich dem Gesang der nordamerikanischen Indianer. Anders Nils ist stolzer Besitzer einer Rentierherde mit ca 2000 Tieren. Genau weiß er es selbst nicht. Sie weidet im Sommer auf der Insel Söröya westlich von Hammerfest, im Winter zieht die Herde nach Süden an die finnische Grenze.
Ich trage meine vom Schwiegervater geerbte Lederhose aus Hirschleder und der Sami fragt, ob ich aus den Alpen käme. Er kennt die Tracht aus dem Fernsehen. Genau betrachtet er die Verzierungen. Zum Glück brauche ich nicht zu demonstrieren wie wir in den Bergen von Alm zu Alm jodeln oder die Kühe rufen. Und auch nicht wie wir uns dabei auf die Schenkel und Schuhsohlen klopfen.

Durch eine fantastische Landschaft weiter entlang von Fjorden und Bergen mit Gletschern, fahren wir auf Tromsö zu. Gleich am Eingang der Stadt vor der Brücke steht die moderne Eismeerkathedrale. Ein Bau der an aufgetürmte Eisplatten erinnert. In der Stadt verfranzen wir uns ordentlich auf der Suche nach dem Polarmuseum und dem Nordlicht Planetarium. Die Stadt ist mehrmals untertunnelt, und das Besondere daran ist, dass sich die Tunnels kreuzen und mittels unterirdischen Kreisverkehren verbunden sind. Das ist einmalig in Europa. Überhaupt ist Tromsö die Stadt der Superlativen. Hier gibt es die nördlichste Uni der Welt, es hat das nördlichste Planetarium der Welt und den nördlichsten botanischen Garten der Welt. Am Hafen finden wir im 2. Anlauf das Polarmuseum und die Amundsen – Büste davor. In der Nähe ist auch die Domkirche, natürlich die nördlichste der Welt.
Geschafft verlassen wir die Stadt in Richtung Senja. Schwierig erweist sich dabei das Finden der richtigen Tunnelröhre und des richtigen Ausganges.

Auf Senja suchen wir uns einen schönen Nachtplatz. Norwegen ist ein Paradies für Wildcamper. Es gibt viele schöne Plätze mit Aussicht und Ruhe inmitten der Natur. Und alle gehen mit großer Sorgfalt damit um. Daher gibt es auch fast keine Verbotstafeln. Kein Abfall liegt herum, überall sind Trockenklohäuschen, Tische und Bänke.
Uns gefällt es.

Ralf ist Musiker und aus Deutschland. Ralf kann man buchen wenn man Livemusik braucht. Im Sommer ist er Straßenmusiker und war heuer mit seinem Saxophon in St. Petersburg. Wir sitzen einen Abend zusammen am Strand des Kurischen Haff. Eine laute Stadt, warnt er uns vor. Ralf ist ziemlich untergegangen mit seiner kontemplativer Musik und zieht heim. Er klebt uns noch einen Aufkleber ans Auto „Liebe soll regieren“. Ralf ist uns sympathisch.

Nach wenigen Tag stehen wir in Narva an der Grenze zu Russland. Die Esten lassen uns erst in den Kontrollbereich nach Kauf eines Tickets um € 4,50 . Na gut, bitte ein Ticket. Dazu muss man 3 km quer durch die Stadt, das Ticket kaufen und wieder zurück zur Grenze. „Every border is different“ sagt Anneliese kopfschüttelnd zum Zöllner. Jetzt werden wir abgefertigt. Bei den Russen geht es schnell und problemlos . Die Fußball WM wirkt beflügelnd.

St. Petersburg: Der Stellplatz in der Nähe der Metro ist bevölkert. Wir stehen zwischen mehreren Wohnmobilen mit argentinischen Fans. Sie wollen zu allen Spielen der Argentinier fahren. (Viele sollten es nicht werden) . Am Tag des Spieles Argentinien gegen Nigeria sollen 30.000 Fans aus Übersee in der Stadt sein. Überall ist große Party. Wir spazieren durch die Stadt, den Nevskyi -Prospekt entlang zum Winterpalast. Und weil St. Petersburg das Venedig des Nordens ist, machen wir eine Bootsfahrt durch die von vielen Palais und Kirchen gesäumten Kanäle.
Satt von den vielen Sehenswürdigkeiten starten wir unsere Karelienreise am 3. Tag. Die P 21 ist eine gut ausgebaute Fernstraße mit wenig Verkehr. Etwas eintönig, da links und rechts meist nur Wald ist. Dazwischen sieht man Hochmoore, Seen und Bäche. Das Land ist meistens flach.
Die Stadt Sortivala ist der Abfahrtshafen für Schiffe nach Walaam, der Klosterinsel im Ladogasee. Der See ist der größte in Europa. Weil das Wetter stürmisch ist, bauen sich bis zu 2 Meter hohe Wellen auf. Zuviel auf und ab für uns und für die 15 russischen Pilger. So opfern einige dem Neptun ihr Frühstück und die Jause. Der gute Igor (ein Mitreisender) verteilt zum Glück Plastiksäckchen.
Tags darauf sehen wir uns einen Canyon in Ruskeala an und am Zeltplatz gibts am Abend public viewing im Zelt. Russland gegen Spanien! Wir haben nicht geahnt wieviele Emotionen in der russischen Seele stecken. Es wird geschrieen, gepfiffen, gestampft und am Ende nach dem Elfmeterschießen ist alles aus dem Häuschen. Bier und Schnaps dienten zur Beruhigung während des Spieles und zur Feier des knappen Sieges. Olga erklärt uns auf deutsch: wir Russen saufen gerne.

Kizhi ist eine Museumsinsel im Onegasee und Weltkulturerbe. Sie ist berühmt wegen der dortigen alten holzgezimmerten Kirchen, der Bauernhöfe und Windmühlen. Seit den 90iger Jahren wird eifrig restauriert was die Kommunisten verfallen ließen. Es gibt viele Kirchen. Eine davon ist dem wieder erweckten Lazarus geweiht. Im Lonley Planet steht: res-errection-chapel of Lazarus. Ah, Lazarus nannte man vielleicht damals das beste Stück des Mannes. Eine völlige Neuinterpretation des alten Bibeltextes und heimlicher Grund für die Pilgerströme?

Karelien ist Samiland.
Sami sind die Ureinwohner Nordfinnlands, Nordnorwegens und russisch Kareliens. Sie lebten als Nomaden für und mit ihren Rentieren. Sie jagten, fischten und hatten ihren Naturglauben. Petroglyphen, Steinkreise und Labyrinthe zeugen davon.
Schweden, Finnen und Russen raubten ihnen das Land und die Bodenschätze. Man machte sie sesshaft und steckte sie in Bergwerke, Fabriken und Kolchosen. Selbst die Sprache und ihre Religion wurden ihnen verboten. Heute regt sich ihre Kultur als zartes Pflänzchen. Traditionelles Handwerk erzeugt Gebrauchsgegenstände, Souvenirs, Bekleidung und mehr. Und einige bieten Fischerei- und Jagdtouren, Motorschlittenfahrten und Nordlichtbeobachtungen im Dienste großer Tourismusunternehmen an. Kundschaft sind Japaner, Koreaner, Malaysia, Araber und die Westler. Wir trinken Kaffee bei Michail, der uns das erzählt. Er kann ein gutes Leben führen mit viel Arbeit im Winter und Zeit zum Fischen und Jagen im Sommer.

Nach über 2.500 km Russland erreichen wir Murmansk, die größte Stadt nördlich des Polarkreises. Der Hafen ist Umschlagplatz für Stahl, Nickel, Kohle und andere Rohstoffe. Eine graue rußige Industriestadt. Im kalten Krieg die weltgrößte Konzentration an Kriegsschiffen. Zu sehen bekamen wir keines. Die sind gut versteckt und streng bewacht in den Fjorden der Barentsee. Im Hafen zu besichtigen ist der Eisbrecher Lenin, 1957 gebaut und mit Kernenergie betrieben. Er bringt Passagiere zum Nordpol, auch durch 3 Meter dickes Eis. Wer mitwill legt € 25.000.— auf den Tisch und genießt das Nordlicht bei Kaviar und Champagner.
Auf einem Hügel im Park steht Alyosha, ein 30 Meter hoher Wachsoldat aus Beton. Er beschützt uns die letzte Nacht (11.7.) in Rußland. Eine strahlende Mitternachtssonne beschert laue Luft.

Tags darauf fahren wir zur Grenze nach Norwegen und sind im Westen. Eine „freundliche“ Zöllnerin durchsucht unser Auto bis ins Detail. Russische Butter, Kefir, Käse und Wurst wandern in einen Abfallcontainer und wird behandelt als wären sie verseucht. Der Leon hat zwar alle erforderlichen Impfungen, nur das Fuchsbandwurmmittel haben wir zwar 24 Std. zuvor verabreicht, aber leider nicht von einem Tierarzt bestätigen lassen. Zum Glück drückt die Ärztin ein Auge zu.

Eine Stunde später sind wir in Kirkenes und verbringen die Nacht auf einer Rentierweide mit Blick über den Korsfjorden.
Norwegen kann kommen!

Es braucht also heuer einen zweiten Anlauf um unser Vorhaben „Skandinavien“ umzusetzen.
Nach einer fast zweimonatigen Zwangspause und einer Getriebereparatur in der Steiermark steht der Reise nichts mehr im Wege und wir beginnen sie erst einmal in einer Buschenschank der Oststeiermark, um nach einer opulenten Brettljause mit Geselchtem, Käse, Schmalz und ähnlich fetten Zutaten die Maximalbelastung des Verdauungstraktes zu testen. Anneliese ist vorsichtiger und verzehrt lieber eine geräucherte Forelle. Fazit: nichts bereut und es war die Sünde mehr als wert.

Die nächsten 1.600 Kilometer sind schnell erzählt: durch Deutschlands Osten bis Görlitz, quer durch Polen nach Malbork und Elblag. Von hier sind es nur mehr wenige km zur Grenze der russischen Enklave Kaliningrad.
An einem schönen Sonntagmorgen kommen wir dort an und erwarten wie gewohnt den wiehernden russischen Amtsschimmel. Doch statt Schimmel empfangen uns zuvorkommende ZöllnerInnen, übernehmen sogar das Ausfüllen der zweiseitigen Zolldeklaration auf russisch, werfen einen kurzen Blick ins Auto und geben die Passdaten schnell in den Computer und uns alle Papiere zurück. Finish? Frage ich misstrauisch nach einer knappen 1/2 Stunde. „You can go and have a good journey“ . Die freundliche Behandlung ist wohl der Fußball WM geschuldet, die gerade läuft. Mal sehen, wie nachhaltig das ist.
Der Weg ist also frei nach Kaliningrad und wir mischen uns vorsichtig in den Stadtverkehr. Wir haben ja keine Versicherung für das Auto in Russland.
Vorbei an gerade erst eingeweihten Fußballstadion, wo sich am Tag zuvor Kroatien und Nigeria ein erstes Match lieferten, bis ins Zentrum.
Wir finden einen bewachten übernachtungsgeeigneten Parkplatz am Ufer der Pregola. Diese ist eine belebte Wasserstraße auf der Boote mit Touristen und jungen Leuten beladen Stadtrundfahrten machen. Zu sehen gibt es einen großteils neu erbauten Stadtkern mit Restaurant – und Ladenstraßen, und auf einer Insel der riesige Dom aus dem 13.Jh. , als die Stadt als Königsberg gegründet wurde. Die Kirche war bis zum Weltkrieg II der Mittelpunkt der Altstadt. Jetzt steht sie einsam da, wo sich früher Gassen und Häuser um den Dom duckten ist heute ein großer Park mit Bäumen und Bänken. Einzig die Ruhestätte des großen Sohnes der Stadt liegt im Schatten der Kirche. Immanuel Kant, hier geboren und auch beerdigt. Auch einen großen Filmemacher ehrt die Stadt mit einer Statue: Woody Allen ist hier in der Lobby des Scala Cinema zu bestaunen.

Die Leute begegnen uns aufrichtig erfreut dass wir extra herkommen um ihre Stadt zu besuchen. Sie sind stolz, Austragungsort der WM zu sein und so viele Gäste begrüßen zu können. Auch wenn sie sich selbst die teuren Eintrittskarten kaum leisten können. Die Zukunft wird zeigen, ob das Geld gut angelegt ist oder rasch verpufft. Es ist ein von oben genau kalkulierter Akt um Patriotismus und die Zustimmung für den Präsidenten zu fördern. Man kann zu Putin stehen wie man will, aber als großen Staatsmann sehen ihn die meisten Russen.

Am nächsten Tag fahren wir zum „Frischen Haff“ nach Baltijsk, dem Heimathafen der russischen Ostseeflotte. Seiner Lage im ehemaligen Ostpreußen verdankte die Hansestadt Königsberg ihren Reichtum und Einfluss. Die große Weltpolitik hat ihr einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.
Wir verbringen noch eine Nacht auf der russischen Seite der „Kurischen Nehrung“. Links der Straße die Ostsee mit einem herrlich wilden und sauberen Sandstrand, rechts das Haff, seicht, ruhig und schilfbewachsen. Beide Seiten unberührte Natur und ein Paradies, das wir für die Nacht nur mit Fuchs, Hase und vielen Wasservögeln teilen.

Eine erlebnisreiche Reise über Monate und viele Länder geht zu Ende.
Grund ein wenig Reisephilosphie zu betreiben.

Weiss jemand eine Tat, die radikaler mit den Gewohnheiten bricht, als fortzureisen und wegzugehen? Wärme gegen Kälte tauschen, Vertrautes gegen Ungewisses, deutsch gegen kasachisch/usbekisch/russisch/kirgisisch tauschen, Freunde gegen Raubritter als Polizisten getarnt, oder Mühelosigkeit gegen Mühsal an den Grenzen, oder ein einwandfrei funktionierendes Immunsystem gegen Attacken asiatischer Viren.

Doch wer der Schwerkraft der Seßhaftigkeit widersteht, davongeht und reist, wird belohnt. Unter der Bedingung, dass er lernt: die Wirklichkeit ist bisweilen nicht zu ändern und dass sie oft auch andere Möglichkeiten bereithält.

Um zu reisen braucht es ein Fortbewegungsmittel. Kein schönes Wort, aber darin stecken „ fort“ und „Bewegung“. Ich bewege mich, also bin ich. Solange wir Illusionen und Neugier haben, hören wir nicht auf zu leben. Die Mutter aller Bewegungsmittel sind unsere Beine. Unverzichtbar, aber leider greifen sie für unsere Reisen zu kurz. Unsere Devise: möglichst oft für Kurzstrecken benutzen. Für die Langstrecke ist unser Wohnmobil langsam genug, dass unsere Sinne folgen können.
23.000 km bedeuten aber auch ca. 2,4 m3 Diesel zu verbrennen. Damit könnte man 3 – 4 Wohnungen einen Winter heizen. Gegenrechnen können wir nur 1 1/2 Monate Gebäudeheizung gespart, einen Wasserverbrauch von etwa 20 Liter täglich für 2 Personen, kein Verbrauch elektrischer Energie für 5 Monate (Ausnahme: 3 Waschmaschinenfüllungen).

Unser Flo macht für uns solche Reisen überhaupt erst möglich: er schützt vor Regen und Kälte, vor Blicken und zudringlichen Zeitgenossen, ist Bett, Küche, Toilette, Leseecke, Schutzhütte auf 3.800 Meter Höhe, Strandhaus am See und eine komplette Wohnung auf gut 5 m2 für 2 Menschen und einen Hund. Es erfordert ein hohes Maß an Ordnung um alles zu verstauen und wieder zu finden. Bekleidung, Essen, Toilettartikel und Medikamente, Bücher und Karten, 2 Kisten Hundefutter und Spielzeug für Leon, Reservekanister, Geschirr und Wasser. Alles in allem macht das ohne uns ca. 3400 kg. Möglich, dass man auch mit leichterem Gepäck reisen kann, aber das ist auch ein Zugeständnis an das Alter und die Bequemlichkeit.

Es kommt der Zeitpunkt wo man spürt, dass man umdrehen muss. Nach all der Zeit, nach mehr als langen 150 Tagen und Nächten setzt langsam Reisemüdigkeit ein. Die Ohren, sonst hellhörig, werden faul und verstopft vom Gehörten, verweigern die Aufnahme. Die Augen werden blind und sind vollgeladen wie ein digitaler Speicher. Man kann aber nichts löschen und es gibt auch keinen Ersatzchip. Wir sind satt, haben keinen rechten Hunger mehr, die Neugier nimmt ab. Wir sind reif für zuhause: für unsere gemütliche Wohnung, die große Dusche mit unbegrenzt Warmwasser und den ganzen Komfort. Eben die Heimat:Der Gang zum Bäcker, 3 Ecken ins Kino, die Familie und Freunde und das warme Gefühl, dazuzugehören. Da können wir unsere Batterien wieder aufladen. Man darf über Politik alles sagen ohne dafür bestraft zu werden und religiöse Frömmler jeder Farbe werden hier in die Schranken verwiesen. Man kann einen Salat essen und muss hinterher nicht auf die Toilette rennen. Man verschwendet keine Zeit für die Suche nach einem Restaurant, das nicht nur eine gefrorene Pizza als einzige Bestellung zulässt (auf der großen Speisekarte). Wo man die Sicherheit hat, dass es im Land auch jeden Ersatzteil fürs Auto, jedes Medikament gegen fast jede Krankheit gibt und wo man in seiner Muttersprache und ohne pantomimische Einlage kommunizieren kann. Nicht zuletzt fährt man ohne aufgehalten zu werden über die Grenze in sein Stammbeisel.

Aber gleichzeitig wissen wir, dass es sich wieder regen wird, das Fernweh, das Ziehen und die Lust auf Abenteuerliches. Keine Reise, nach der nicht schon wieder Pläne für eine weitere gewälzt werden. Solange es die Gesundheit zulässt, solange die Neugier auf die Welt bleibt.
Soweit unsere Wahrheit. Es gibt aber 3 Wahrheiten sagen sie in Asien: meine Wahrheit, deine Wahrheit und die Wahrheit.

Zum Schluß ein Zitat von Steve Jobs. Er riet den Studenten in Stanford nach einem Referat: „ stay hungry, stay foolish“.

Thats it.
Anneliese und Günther samt Leon – der faul im Auto liegt

PS.: einige Gedanken von Andreas Altmann aus seinem Buch „Gebrauchsanweisung für die Welt“ haben uns so gut gefallen, dass sie in unsern Text eingeflossen sind.

In Suzdal genießen wir die Vorzüge eines Campinggeländes. Das erste nach 4 1/2 Monaten.

Zwischen uns und der Grenze zu Lettland liegt noch Moskau. Mittendurch oder großräumig umfahren? Wir entschließen uns für letzteres und über Pereslavl, einer Stadt des „Goldenen Ringes“, mühen wir uns über schlechte Landstraßen bis Tver an der Wolga. 3690 km machen sie zum längsten und wasserreichsten Fluß Europas. Da wir sie schon im Delta bei Astrachan überquerten und ihr längere Zeit von Samara bis Nizhny Novgorod folgten, wäre es noch interessant ihre Quelle zu besuchen. 2 weitere Tage durch eine nordischen Landschaft, dann stecken wir unsere nackten Füsse in das moorbraune Bächlein.

Wo sich Bär und Elche gute Nacht sagen, die Wälder mit Seen und Sümpfen durchzogen sind, wo gerade einmal 2 Autos mit Pilze- und Beerensammlern entgegen kommen, wo also die Welt zu enden scheint, öffnet sich der Wald und wir stehen vor einer wunderschönen Kirche im warmen Abendsonnenlicht. Einige Nonnen im Kloster daneben hüten den Ursprung des Flusses. Wir dürfen auf ihrem Parkplatz übernachten. Alle Außenanlagen sind gerade neu errichtet worden: ein Holzhaus über der Quelle samt einem Steg aus Kunststoffbohlen, Parkflächen und 2! Hubschrauberlandeplätze betoniert. Der Architekt müsste für seinen Materialmix mit nassen Tüchern erschlagen werden. Trotzdem: die Magie des Ortes konnte er nicht zerstören.

Ein Fluß als Symbol der Einheit des Landes. Das lässt sich nutzen von Politik und Kirche. Und weil den jeweiligen Zeremonienmeistern die Straße nicht zumutbar ist, benötigt jeder seinen eigenen Landeplatz.

Weitere 2 Tage reiht sich Schlagloch an Schlagloch, unterbrochen nur von umgestürzten Bäumen des nächtlichen Gewittersturmes. Dann haben wir auch dieses Land durchquert und hoffen, nicht zum letzen Mal.

Nun treiben wir uns noch einige Zeit im Baltikum herum bevor wir Kurs nach Süden nehmen

Ganz liebe Grüße
AuGuL

Nach 4.500 km Kasachstan sind wir nun seit einer Woche in der russischen Föderation. Samara, Kazan, Nizhny Novgorod, Vladimir. Kirchen, Klöster, Wolgahäfen, die Ausgrabungen von Bolgar und dazwischen endlos viele Kilometer Straßen, die an Verkehrsdichte den Brenner locker in den Schatten stellen. Am Ende jeder Tagesetappe aber meist als Belohnung ein schöner Nachtplatz: Hafenterrasse über der Wolga mit Begleitmusik aus zahlreichen Autoradios; Strandplatz mit Bad an der Sura mit Gelsen, die auch in unserem Auto übernachten wollen; Parkplatz vor dem Kloster Pechorsky mit Weitblick über die Wolga und frühen Kirchgehern am Sonntagmorgen.

Die Natur entlang unserer Route hat sich auch geändert: waren es noch vor wenigen Tagen Steppen mit verdorrtem Gras sind es nun Birken- und Nadelwälder. Einen Hinweis auf möglichen Elchkontakt gab es schon. Aus einer überwiegenden Zahl von Islamgläubigen wurden nach und nach orthodoxe Christen.

Morgen gibt es noch einmal geballte Kultur: das alte Suzdal. 2×2 km Stadt, aber 15 Kirchen und Klöster. Doch nur vorbeifahren können wir einfach nicht – auch wenn die Festplatte schon übergeht.

GlbGr an alle
AuGuL

Bilder zu Russland:

Ein paar Betrachtungen: Zentralasien ist nicht erst seit kurzem im Zentrum des Interesses. Es war immer ein Knotenpunkt: im Netz der antiken Seidenstraße, als Herz des Mongolenreiches Dzhingis Khans, als Zentrum des Riesenreiches Tamerlans und zuletzt Objekt der Begierde der russischen Zaren und Bolschewiken. Handel brachte Reichtum, gute klimatische Umstände führten zu ertragreichen Ernten. Heute kommt noch ein weiterer Reichtum dazu: diese Länder sitzen auf Bodenschätzen und riesigen Gas- und Öllagerstätten und werden von China, Amerika und Europa umworben. Da wird auch weggeschaut, wenn das Demokratieverständnis, die Menschenrechte und der Umweltschutz nicht immer unseren Konventionen entsprechen. Hauptsache man bleibt im Geschäft.

Von allen zentralasiatischen Staaten (mit Aserbaidschan) hat nur Kirgistan eine funktionierende Demokratie. Alle anderen Staaten werden von Familienclans regiert. Zum Beispiel ein Autokrat wie Nazerbajev, Präsident Kasachstans, bestimmt allein die Politik des Landes. Und Priorität haben nicht die Gesundheit der Menschen, die Bildung oder die Sozialpolitik, sondern sein Steckenpferd. Er leistet sich den Neubau einer ganzen Hauptstadt Astana. Ein Milliarden – Megaprojekt, um sein Präsidentenego zu befriedigen. Dabei sollte er die Situation in den bestehenden Städten und Dörfern studieren. Ohne Wasserleitung und Kanal lebt es sich nicht so bequem wie in seinem „Weissen Haus“. Desolate Schulen, Wohnhäuser und Straßeninfrastruktur auf allen Nebenstraßen warten dringend auf Investitionen. Eine interessante Lektüre wäre das Buch „good father in law“ seines in Ungnade gefallenen Schwiegersohnes Rachat Alijev, der in einem österreichischen Gefängnis ums Leben kam. Aber so genau wollen unsere Politiker gar nicht wissen – 1.) stört es die Geschäfte und 2.) man weiss ja nie was nachkommt – siehe Irak oder Libyen.

Um seine Landsleute auch mit seiner Hauptstadteuphorie anzustecken, rief er gerade die Astanaer Tage aus. 4 arbeitsfreie Feiertage am Stück. Das hätte uns fast getroffen. Ein Dichtring an der Steckachse wurde undicht. Also in die Werkstatt. Hätten wir nicht einen winzigen Garagenbetrieb gefunden, in dem das Auto im Hof sofort repariert wurde, hätten wir bei einer Vertragswerkstatt eine viertägige Zwangspause einlegen und zudem auf das Originalersatzteil aus Almaty warten müssen. In Astana findet soeben die Weltausstellung statt und die sollten auch seine Kasachen bewundern können.

Jetzt sind wir schon etwas früher als geplant im Oblast von Oral. Durch die abwechslungsarme Steppe machten wir fast immer mehr Tageskilometer als geplant. Einzig die frühere Hafenstadt Aral und ihren trockengefallenen Fischereihafen besuchen wir. Die Bewohner kämpfen gegen die Wüste und hoffen, dass das Meer irgendwann zurückkommt.

Eine Herausforderung für Leute wie uns, die keine 10 Worte russisch können, ist die Sprache. Inzwischen funktioniert ein kleiner „smalltalk“ ganz gut. Zudem sprechen hier in Kasachstan einige deutsch, das bis vor ein paar Jahren in der Schule unterrichtet wurde. So werden viele Freundlichkeiten ausgetauscht, wir bekommen Brot, Krapfen, Käse usw. geschenkt und werden oft eingeladen. Auch wir haben viel Besuch in unserer „Wohnung“. Küche, Bett, Tisch und Toilette werden bestaunt.

Auch bei der Polizei kommen wir inzwischen immer besser weg. Tagfahrlicht vergessen – straffrei. Statt einer lästigen nächtlichen Kontrolle – wir sind schon im Bett – gibt es eine Visitenkarte vom Polizist mit Telefonnummer. Wir sollen uns melden wenn wir seinen Schutz benötigen. Die Polizei auch dein Freund und Helfer!

Nun sind wir quer durch Kasachstan gefahren – es sind ca 4.500 km und verbringen nun die letzten Tage hier am Oral – Fluß, da unser Visum für Russland erst ab 24.7. gültig ist.

Ganz liebe Grüße AuGuL

Raus aus den Bergen und hinein in die Steppe Kasachstans. Die letzte Stadt in Kirgistan in Karakol, auf dem Markt füllen wir unsere Vorräte auf, das rege Marktleben ist farbenprächtig und exotisch. Eine letzte Passstraße reizt uns noch: über den Chonashu mit 3822 Metern Höhe gelangt man ins Tal des Engilchek- Gletscher, mit 51 km Länge einer der stattlichsten im Tien Chan. Uns genügt der Anblick der vielen Sechs- und Siebentausender. Leon tobt im Schnee und dann suchen wir uns einen Übernachtungsplatz 1100 Meter tiefer im Almboden bei den Pferdeherden.

Der kleine Grenzübergang zu Kasachstan bei Sari Tash ist nur im Sommer geöffnet und vor allen Dingen sehr unbürokratisch. In Rekordzeit von 30 Minuten sind wir durch und wir schaffen am gleichen Tag noch den Weg zum Charyn- Canyon. Der Charyn hat sich durch den Berg gegraben und dabei skurile Figuren aus Stein geschaffen die wir durchwandern.
Die Landschaft hat sich inzwischen total verändert, Steppe und Sandwüste dominieren das Bild. Die oder der Ile hat sich ein Tal gegraben und die Menschen haben es seit tausenden Jahren, als das Klima noch feuchter war, besiedelt. Sie haben an vielen Stellen Gravuren im Fels hinterlassen. Vermutlich waren es uralte Kultstätten und Abbildungen von Tieren die gejagt wurden. Aber auch buddhistische Mönche, die auf der Seidenstraße unterwegs waren ritzten Symbole ihrer Religion in den Stein. Der Ile ist nur einer der Ströme, die durch das Siebenstromland fließen. Sein Delta ist riesig und er gießt sein Wasser in den Balchachsee. Heute hat sich das Klima verändert, dürre Steppe herrscht vor. Noch vor dem Weltkrieg war hier dichter Dschungel und 1939 wurde der letzte Turan-Tiger geschossen. Jetzt bevölkern Angler die Ufer des Flusses. Nicht immer ist dann der Amurkarpfen oder Wels das Ziel der Männer. Man verbringt ein Wochenende mit Freunden bei Bier, Wodka, Schaschlik, Mücken und Zeltromantik.

Nicht nur in Kirgistan, auch in diesem Land gibt es Balbals, die steinernen Wächterfiguren, die oft schon mehr als 1000 Jahre die Landschaft bewachen. Mit einer unzureichenden Beschreibung des Standortes brauchen wir Stunden um eine Gruppe auf einem Hügel im Nirgendwo zu finden und für euch zu fotografieren.

Stetig geht es nun nach Westen in Richtung russischer Grenze. Ohne unsere spontanen Umwege und Abstecher sollten wir täglich ca. 150 km fahren, um zum Beginn des Russland-Visums am 24.7. an der Grenze zu stehen. Aber schon kundschaftet Anneliese weitere Highlights und „musts“ aus, und die Tagesetappen werden entsprechend länger. Dabei wird das Wetter täglich heisser, 37° und mehr verführen uns oft zu einem Stopp am See oder Bach – Erholung für uns und Leon die Wasserratte. Zum großen Glück fahren wir noch am Rand der schneebedeckten Tien Shan- Ausläufer, und der nächtliche Bergwind kühlt.
8.7.:
Jetzt hat uns die Hitze endgültig erwischt! Wir stehen bei 45 Grad und müssen unseren Tagesablauf danach richten!

GlbGr. an unsere Familie und Freunde

AuGuL

nun kommen die Bilder aus Kasachstan:

Karakol in Kirgistan 22.6.

Kirgistans Norden

Wir machen uns auf in den nördlichen Teil Kirgistans, durchqueren auf dem Tien Shan – Highway das gleichnamige Gebirge. Tien Shan ist chinesisch und heißt Himmelsgebirge. Es erstreckt sich von China nach Westen und seine Ausläufer reichen bis Uzbekistan . Entlang des Narynflusses, der sich eine mächtige Schlucht gegraben hat, verläuft die Straße nach Norden Richtung Bishkek. Mehrmals wurde das Gewässer gestaut, im Toktogul – See verschwanden in sowjetischer Zeit 26 Dörfer. Kara Köl wurde als Stadt gegründet um die vielen Menschen, die am Bau der Kraftwerke beteiligt waren, aufzunehmen. Heute verfallen die Plattenbauten. Die Jungen siedeln ab.

Wir verlassen den Highway vor dem Töö Ashuu – Pass und nehmen eine Piste durch das Dshumgaltal nach Kochkor. Das Tal und seine Schluchten sind an Schönheit kaum zu topen. Wir brauchen gut 2 Tage. Einerseits ist die Gegend überwältigend und wir halten oft an, andererseits ist die Piste teils in schlechtem Zustand. 15 – 20 kmh ist unser Schnitt.
In Kochkor besuchen wir Altyn Kol, eine Frauenkooperative. Sie umfasst 600 Frauen, die in Handarbeit gefertigte Filzteppiche herstellen und einen guten Zusatzverdienst erwirtschaften.
Das stärkt die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Die ist aus heutiger Sicht eher problematisch. Die „tugendhafte“ Frau ist stets zurückhaltend und wird schon als Mädchen zu striktem Gehorsam erzogen. Vor diesem Hintergrund muss man die massive Zunahme des „Brautraubes“ sehen. Dieser geht meist so vonstatten, dass der Mann die Frau seiner Wahl (mithilfe einer größeren Gruppe von Männern) auf offener Straße entführt und in das Haus seiner Familie bringt. Das Mädchen kennt oft nicht einmal seinen Entführer. Die weiblichen Familienmitglieder versuchen, das Mädchen mit Drohungen und Verwünschungen dazu zu bringen, in die Ehe einzuwilligen. Dabei versuchen sie ihr den traditionellen Brautschleier anzulegen, dessen Aufsetzen als Zustimmung gilt. Was sich eher wie ein schlechter Witz als bitterer Ernst anhört ist per Gesetz verboten. Trotzdem kommen auf solche Weise noch immer Ehen am Land zustande. Aus Scham wird die Tat kaum angezeigt, ist doch das Mädchen entehrt, wenn es über Nacht in einem fremden Haus bleibt. In der Sowjetzeit wurden „nur“ 20 % der Bräute entführt, aber mit dem Rückfall in archaische Rollenbilder nimmt die Zahl der Frauen, die Entführung und Zwangsheirat widerstandslos hinnehmen, massiv zu. Ein widersprüchliches Bild Kirgistans, das uns doch so gut gefällt. Das einzige Land Zentralasiens mit einer Demokratie, das auch die Menschenrechtserklärung der UNO unterschrieben hat. Alles nur Papier?

Kaum wieder auf der Hauptstraße nach Bishkek stoppt uns wieder einmal eine Polizeistreife. Fahren ohne Licht am Tag auf einer Hauptstraße macht 5.000 Sol oder € 70,0 . Wir haben Gelegenheit unsere neue Strategie gegen überzogene Strafen zu testen. Anneliese nimmt die Kamera, macht Fotos vom Polizeiauto und dem Beamten. „No Fotos“, rufen die 3 erschrocken. Wir wollen nur in Bishkek nachfragen , ob die Strafe in dieser Höhe rechtens ist. „Sorry about my bad English, I mean 500 Som, not 5.000“ . Wir zahlen und löschen die Bilder. Allgemeines Aufatmen bei den Polizisten, ein Grinsen bei uns über unseren Sieg. Man wünscht uns noch eine gute Reise. Jemand erzählt uns, dass man viel Geld zahlen muss um bei der Exekutive eingestellt zu werden. Der Lohn ist sehr gering. Aber mit dem Streifenwagen und dem Radargerät ausgestattet hinter einer 40iger Tafel auf vierspuriger Fahrbahn versteckt, bringt die Butter aufs Brot.

Nördlich vom Issyk Kol See verlief eine Hauptader der Seidenstraße und traf sich hier mit einem anderen wichtigen Karawanenweg aus dem Süden. Von Indien über Kashgar und Naryn verlief dieser Zweig. Doch nicht nur Handelsware sondern auch Teppich – Handwerk von hier gingen nach West und Ost. Auch unsere vertrauten Obstsorten, Stein – und Kernobst stammen ursprünglich aus dieser Region. Der See schafft ein günstiges Mikroklima, ist der doch flächenmäßig 11x der Bodensee.
Heute spielt neben dem traditionellen Handwerk der Tourismus eine zunehmende Rolle. Die 4 – 5 Tausender des Tien Shan ziehen viele Alpinisten an und nicht wenige Einheimische arbeiten als Berg- und Wanderführer, in Jurtencamps und als Reitpferdehalter.

ganz liebe Grüße an daheim – wir werden noch einige Tage in Kirgistan bleiben und dann gehts westwärts durch Kasachstan

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