Archive for Juli 2018

Senja empfängt uns mit Regen und tiefhängenden Wolken. Schade, weil wir vorerst nichts von der grandiosen Bergwelt sehen.
Wir setzen über auf die Insel Andöya zum Hafen von Andenes, erkunden die Insel und machen eine Walsafari mit. Die Pottwale sind hier nahe der Küste zu beobachten. Wir sehen 2 Exemplare, die weithin sichtbar ausblasen und dann beim nächsten Tauchgang auf minus 1000 Meter zuletzt elegant die riesige Schwanzflosse zeigen. Das löst bei uns Touristen ekstatisches Drücken auf die Auslöser der Kameras aus. Länger können wir eine Gruppe von 8 Grindwalen genauso bestaunen, wie sie uns.

Zurück auf Senja ist auch hier nun blauer Himmel und die Sonne strahlt in die tiefen Fjorde. Über Finnsnes erreichen wir am letzten Abend in Norwegen Tennes am Balsfjorden. Die kleine Straße endet an einer Kirche und einem kleinen Fischerhafen, der einen traumhaften Übernachtungsplatz bietet. Es ist noch um 17h30 30 Grad warm und wir schwimmen kurz im frischen Meer zur Abkühlung.

Überhaupt scheint uns wir haben die falsche Garderobe mit. Anneliese durchwühlt zum 2. Mal erfolglos das Wäschekastl auf der Suche nach einem Trägerleibchen. Nachdem ich in der Steiermark bei Sigrid und Klaus deren Film über ihre Skandinavienreise sah, schärfte ich meiner fürs Einpacken zuständigen Partnerin ein, nur ja genug warme Unterwäsche, Daunenjacken, Überhosen, usw. mitzunehmen. Das war schon richtig und wir haben es ja auch gebraucht. Heuer stöhnte ganz Skandinavien und russisch Karelien über viele Tage über Trockenheit und Hitze. Der Klimawandel mit abschmelzenden Gletschern, mit durch Trockenheit gestresste Pflanzen, zum Skelett abgemagerte Eisbären und mückengeplagte Herden lässt sich auch hier nicht mehr leugnen. Fehlende Trägerleibchen sind da das kleinste Problem.

Über die E 8 reisen wir beim 3 Ländereck in Finnland ein und halten uns in Richtung Botnisches Meer. Aber das wird eine andere Geschichte.

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In Kirkenes brauchen wir erst mal Geld um unseren Kühlschrank wieder zu befüllen, den wir an der Grenze ausräumen mussten. Die Höhe der neuen Preise sind für uns nach Russland erst einmal gewöhnungsbedürftig.

Wir machen uns auf zur Varangerhalbinsel und fahren ab Vardö auf schmaler Straße durch eine bizarre Felswelt nach Hamningsberg, einem aufgegebenen Fischerdorf.

Da uns das Nordkap als überlaufener trostloser Asphaltplatz inclusive Touristennepp geschildert wurde, beschließen wir stattdessen den nördlichsten Festlandpunkt Europas anzusteuern. An der Nordspitze steht der Leuchtturm Slettnes Fyr umgeben von atemberaubender Landschaft. Im Cafe daneben essen wir die fantastischen Waffeln. Wir wandern zum ehemaligen Dorf Steinvag und zu einem uralten Steinlabyrinth. Die Sami glaubten, dass sich darin gefährliche Stürme einfangen ließen. Sie waren ja Fischer -, Wal- und Robbenjäger. Im Eismeer ein gefährlicher Job. In der Fischfabrik wurde der angelieferte Fang zu Stockfisch luftgetrocknet und in die halbe Welt, sogar bis Afrika verschifft.
Auf dem Weg entlang der Küste konnten wir Kegelrobben beim Spielen beobachten.

Nächster Halt: Hammerfest. Ein wichtiger eisfreier Hafen und Umschlagplatz. 1944 völlig von der Wehrmacht zerstört wurde es neu erbaut und erlebt einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Gas- und Ölfelder in der Nordsee. Neben den Fischtrawlern tummeln sich im Hafen Versorgungsschiffe für die Ölförderung der Firma Eni. Es gibt eine Gasverflüssigungsanlage und es gibt Arbeit für viele in der Stadt und auf den Bohranlagen draußen. Die Arbeiter sind mit ihren Familien zugezogen und leben in Wohnblöcken und Reihenhäusern. Viele kommen von weit her. An unserem Übernachtungsstrand etwas außerhalb treffen wir auf eine Gruppe Frauen aus Somalia samt Kindern. Die Männer arbeiten für die Öl Kompanie. Die Frauen erzählen Annelies sie hätten ein gutes Leben, schöne Wohnungen, einen Kindergarten und die Männer verdienen gutes Geld. Nur der Winter ist für sie unvorstellbar hart mit dieser Dunkelheit und den kalten Stürmen.

Auf der E 6 Richtung Tromsö finden wir einen Schlafplatz hoch über den Fjord mit Traumaussicht. Wegen dieser sind hier auch Wehrmachtspunker rund herum, die auch hier der „Verteidigung des deutschen Vaterlandes“ dienten. Vorne an der Straße stehen Souvenirhütten der Sami. Sie verkaufen Andenken, Handwerk, Felle und Kitsch. Bei Anders Nils Eira kaufen wir eine CD mit Sami Musik. Anders Nils ist selbst der Interpret. Der lautmalerische Gesang ist vom Vater auf den Sohn gekommen. Es klingt als wären es Rufe in der Wildnis, vielleicht zur entfernten Verständigung. Irgendwie hört man förmlich das Getrappel der Rentierherde. Es klingt ähnlich dem Gesang der nordamerikanischen Indianer. Anders Nils ist stolzer Besitzer einer Rentierherde mit ca 2000 Tieren. Genau weiß er es selbst nicht. Sie weidet im Sommer auf der Insel Söröya westlich von Hammerfest, im Winter zieht die Herde nach Süden an die finnische Grenze.
Ich trage meine vom Schwiegervater geerbte Lederhose aus Hirschleder und der Sami fragt, ob ich aus den Alpen käme. Er kennt die Tracht aus dem Fernsehen. Genau betrachtet er die Verzierungen. Zum Glück brauche ich nicht zu demonstrieren wie wir in den Bergen von Alm zu Alm jodeln oder die Kühe rufen. Und auch nicht wie wir uns dabei auf die Schenkel und Schuhsohlen klopfen.

Durch eine fantastische Landschaft weiter entlang von Fjorden und Bergen mit Gletschern, fahren wir auf Tromsö zu. Gleich am Eingang der Stadt vor der Brücke steht die moderne Eismeerkathedrale. Ein Bau der an aufgetürmte Eisplatten erinnert. In der Stadt verfranzen wir uns ordentlich auf der Suche nach dem Polarmuseum und dem Nordlicht Planetarium. Die Stadt ist mehrmals untertunnelt, und das Besondere daran ist, dass sich die Tunnels kreuzen und mittels unterirdischen Kreisverkehren verbunden sind. Das ist einmalig in Europa. Überhaupt ist Tromsö die Stadt der Superlativen. Hier gibt es die nördlichste Uni der Welt, es hat das nördlichste Planetarium der Welt und den nördlichsten botanischen Garten der Welt. Am Hafen finden wir im 2. Anlauf das Polarmuseum und die Amundsen – Büste davor. In der Nähe ist auch die Domkirche, natürlich die nördlichste der Welt.
Geschafft verlassen wir die Stadt in Richtung Senja. Schwierig erweist sich dabei das Finden der richtigen Tunnelröhre und des richtigen Ausganges.

Auf Senja suchen wir uns einen schönen Nachtplatz. Norwegen ist ein Paradies für Wildcamper. Es gibt viele schöne Plätze mit Aussicht und Ruhe inmitten der Natur. Und alle gehen mit großer Sorgfalt damit um. Daher gibt es auch fast keine Verbotstafeln. Kein Abfall liegt herum, überall sind Trockenklohäuschen, Tische und Bänke.
Uns gefällt es.

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Ralf ist Musiker und aus Deutschland. Ralf kann man buchen wenn man Livemusik braucht. Im Sommer ist er Straßenmusiker und war heuer mit seinem Saxophon in St. Petersburg. Wir sitzen einen Abend zusammen am Strand des Kurischen Haff. Eine laute Stadt, warnt er uns vor. Ralf ist ziemlich untergegangen mit seiner kontemplativer Musik und zieht heim. Er klebt uns noch einen Aufkleber ans Auto „Liebe soll regieren“. Ralf ist uns sympathisch.

Nach wenigen Tag stehen wir in Narva an der Grenze zu Russland. Die Esten lassen uns erst in den Kontrollbereich nach Kauf eines Tickets um € 4,50 . Na gut, bitte ein Ticket. Dazu muss man 3 km quer durch die Stadt, das Ticket kaufen und wieder zurück zur Grenze. „Every border is different“ sagt Anneliese kopfschüttelnd zum Zöllner. Jetzt werden wir abgefertigt. Bei den Russen geht es schnell und problemlos . Die Fußball WM wirkt beflügelnd.

St. Petersburg: Der Stellplatz in der Nähe der Metro ist bevölkert. Wir stehen zwischen mehreren Wohnmobilen mit argentinischen Fans. Sie wollen zu allen Spielen der Argentinier fahren. (Viele sollten es nicht werden) . Am Tag des Spieles Argentinien gegen Nigeria sollen 30.000 Fans aus Übersee in der Stadt sein. Überall ist große Party. Wir spazieren durch die Stadt, den Nevskyi -Prospekt entlang zum Winterpalast. Und weil St. Petersburg das Venedig des Nordens ist, machen wir eine Bootsfahrt durch die von vielen Palais und Kirchen gesäumten Kanäle.
Satt von den vielen Sehenswürdigkeiten starten wir unsere Karelienreise am 3. Tag. Die P 21 ist eine gut ausgebaute Fernstraße mit wenig Verkehr. Etwas eintönig, da links und rechts meist nur Wald ist. Dazwischen sieht man Hochmoore, Seen und Bäche. Das Land ist meistens flach.
Die Stadt Sortivala ist der Abfahrtshafen für Schiffe nach Walaam, der Klosterinsel im Ladogasee. Der See ist der größte in Europa. Weil das Wetter stürmisch ist, bauen sich bis zu 2 Meter hohe Wellen auf. Zuviel auf und ab für uns und für die 15 russischen Pilger. So opfern einige dem Neptun ihr Frühstück und die Jause. Der gute Igor (ein Mitreisender) verteilt zum Glück Plastiksäckchen.
Tags darauf sehen wir uns einen Canyon in Ruskeala an und am Zeltplatz gibts am Abend public viewing im Zelt. Russland gegen Spanien! Wir haben nicht geahnt wieviele Emotionen in der russischen Seele stecken. Es wird geschrieen, gepfiffen, gestampft und am Ende nach dem Elfmeterschießen ist alles aus dem Häuschen. Bier und Schnaps dienten zur Beruhigung während des Spieles und zur Feier des knappen Sieges. Olga erklärt uns auf deutsch: wir Russen saufen gerne.

Kizhi ist eine Museumsinsel im Onegasee und Weltkulturerbe. Sie ist berühmt wegen der dortigen alten holzgezimmerten Kirchen, der Bauernhöfe und Windmühlen. Seit den 90iger Jahren wird eifrig restauriert was die Kommunisten verfallen ließen. Es gibt viele Kirchen. Eine davon ist dem wieder erweckten Lazarus geweiht. Im Lonley Planet steht: res-errection-chapel of Lazarus. Ah, Lazarus nannte man vielleicht damals das beste Stück des Mannes. Eine völlige Neuinterpretation des alten Bibeltextes und heimlicher Grund für die Pilgerströme?

Karelien ist Samiland.
Sami sind die Ureinwohner Nordfinnlands, Nordnorwegens und russisch Kareliens. Sie lebten als Nomaden für und mit ihren Rentieren. Sie jagten, fischten und hatten ihren Naturglauben. Petroglyphen, Steinkreise und Labyrinthe zeugen davon.
Schweden, Finnen und Russen raubten ihnen das Land und die Bodenschätze. Man machte sie sesshaft und steckte sie in Bergwerke, Fabriken und Kolchosen. Selbst die Sprache und ihre Religion wurden ihnen verboten. Heute regt sich ihre Kultur als zartes Pflänzchen. Traditionelles Handwerk erzeugt Gebrauchsgegenstände, Souvenirs, Bekleidung und mehr. Und einige bieten Fischerei- und Jagdtouren, Motorschlittenfahrten und Nordlichtbeobachtungen im Dienste großer Tourismusunternehmen an. Kundschaft sind Japaner, Koreaner, Malaysia, Araber und die Westler. Wir trinken Kaffee bei Michail, der uns das erzählt. Er kann ein gutes Leben führen mit viel Arbeit im Winter und Zeit zum Fischen und Jagen im Sommer.

Nach über 2.500 km Russland erreichen wir Murmansk, die größte Stadt nördlich des Polarkreises. Der Hafen ist Umschlagplatz für Stahl, Nickel, Kohle und andere Rohstoffe. Eine graue rußige Industriestadt. Im kalten Krieg die weltgrößte Konzentration an Kriegsschiffen. Zu sehen bekamen wir keines. Die sind gut versteckt und streng bewacht in den Fjorden der Barentsee. Im Hafen zu besichtigen ist der Eisbrecher Lenin, 1957 gebaut und mit Kernenergie betrieben. Er bringt Passagiere zum Nordpol, auch durch 3 Meter dickes Eis. Wer mitwill legt € 25.000.— auf den Tisch und genießt das Nordlicht bei Kaviar und Champagner.
Auf einem Hügel im Park steht Alyosha, ein 30 Meter hoher Wachsoldat aus Beton. Er beschützt uns die letzte Nacht (11.7.) in Rußland. Eine strahlende Mitternachtssonne beschert laue Luft.

Tags darauf fahren wir zur Grenze nach Norwegen und sind im Westen. Eine „freundliche“ Zöllnerin durchsucht unser Auto bis ins Detail. Russische Butter, Kefir, Käse und Wurst wandern in einen Abfallcontainer und wird behandelt als wären sie verseucht. Der Leon hat zwar alle erforderlichen Impfungen, nur das Fuchsbandwurmmittel haben wir zwar 24 Std. zuvor verabreicht, aber leider nicht von einem Tierarzt bestätigen lassen. Zum Glück drückt die Ärztin ein Auge zu.

Eine Stunde später sind wir in Kirkenes und verbringen die Nacht auf einer Rentierweide mit Blick über den Korsfjorden.
Norwegen kann kommen!

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