Archive for Juni 2018

Es braucht also heuer einen zweiten Anlauf um unser Vorhaben „Skandinavien“ umzusetzen.
Nach einer fast zweimonatigen Zwangspause und einer Getriebereparatur in der Steiermark steht der Reise nichts mehr im Wege und wir beginnen sie erst einmal in einer Buschenschank der Oststeiermark, um nach einer opulenten Brettljause mit Geselchtem, Käse, Schmalz und ähnlich fetten Zutaten die Maximalbelastung des Verdauungstraktes zu testen. Anneliese ist vorsichtiger und verzehrt lieber eine geräucherte Forelle. Fazit: nichts bereut und es war die Sünde mehr als wert.

Die nächsten 1.600 Kilometer sind schnell erzählt: durch Deutschlands Osten bis Görlitz, quer durch Polen nach Malbork und Elblag. Von hier sind es nur mehr wenige km zur Grenze der russischen Enklave Kaliningrad.
An einem schönen Sonntagmorgen kommen wir dort an und erwarten wie gewohnt den wiehernden russischen Amtsschimmel. Doch statt Schimmel empfangen uns zuvorkommende ZöllnerInnen, übernehmen sogar das Ausfüllen der zweiseitigen Zolldeklaration auf russisch, werfen einen kurzen Blick ins Auto und geben die Passdaten schnell in den Computer und uns alle Papiere zurück. Finish? Frage ich misstrauisch nach einer knappen 1/2 Stunde. „You can go and have a good journey“ . Die freundliche Behandlung ist wohl der Fußball WM geschuldet, die gerade läuft. Mal sehen, wie nachhaltig das ist.
Der Weg ist also frei nach Kaliningrad und wir mischen uns vorsichtig in den Stadtverkehr. Wir haben ja keine Versicherung für das Auto in Russland.
Vorbei an gerade erst eingeweihten Fußballstadion, wo sich am Tag zuvor Kroatien und Nigeria ein erstes Match lieferten, bis ins Zentrum.
Wir finden einen bewachten übernachtungsgeeigneten Parkplatz am Ufer der Pregola. Diese ist eine belebte Wasserstraße auf der Boote mit Touristen und jungen Leuten beladen Stadtrundfahrten machen. Zu sehen gibt es einen großteils neu erbauten Stadtkern mit Restaurant – und Ladenstraßen, und auf einer Insel der riesige Dom aus dem 13.Jh. , als die Stadt als Königsberg gegründet wurde. Die Kirche war bis zum Weltkrieg II der Mittelpunkt der Altstadt. Jetzt steht sie einsam da, wo sich früher Gassen und Häuser um den Dom duckten ist heute ein großer Park mit Bäumen und Bänken. Einzig die Ruhestätte des großen Sohnes der Stadt liegt im Schatten der Kirche. Immanuel Kant, hier geboren und auch beerdigt. Auch einen großen Filmemacher ehrt die Stadt mit einer Statue: Woody Allen ist hier in der Lobby des Scala Cinema zu bestaunen.

Die Leute begegnen uns aufrichtig erfreut dass wir extra herkommen um ihre Stadt zu besuchen. Sie sind stolz, Austragungsort der WM zu sein und so viele Gäste begrüßen zu können. Auch wenn sie sich selbst die teuren Eintrittskarten kaum leisten können. Die Zukunft wird zeigen, ob das Geld gut angelegt ist oder rasch verpufft. Es ist ein von oben genau kalkulierter Akt um Patriotismus und die Zustimmung für den Präsidenten zu fördern. Man kann zu Putin stehen wie man will, aber als großen Staatsmann sehen ihn die meisten Russen.

Am nächsten Tag fahren wir zum „Frischen Haff“ nach Baltijsk, dem Heimathafen der russischen Ostseeflotte. Seiner Lage im ehemaligen Ostpreußen verdankte die Hansestadt Königsberg ihren Reichtum und Einfluss. Die große Weltpolitik hat ihr einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.
Wir verbringen noch eine Nacht auf der russischen Seite der „Kurischen Nehrung“. Links der Straße die Ostsee mit einem herrlich wilden und sauberen Sandstrand, rechts das Haff, seicht, ruhig und schilfbewachsen. Beide Seiten unberührte Natur und ein Paradies, das wir für die Nacht nur mit Fuchs, Hase und vielen Wasservögeln teilen.

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