Archive for 17. August 2017

Eine erlebnisreiche Reise über Monate und viele Länder geht zu Ende.
Grund ein wenig Reisephilosphie zu betreiben.

Weiss jemand eine Tat, die radikaler mit den Gewohnheiten bricht, als fortzureisen und wegzugehen? Wärme gegen Kälte tauschen, Vertrautes gegen Ungewisses, deutsch gegen kasachisch/usbekisch/russisch/kirgisisch tauschen, Freunde gegen Raubritter als Polizisten getarnt, oder Mühelosigkeit gegen Mühsal an den Grenzen, oder ein einwandfrei funktionierendes Immunsystem gegen Attacken asiatischer Viren.

Doch wer der Schwerkraft der Seßhaftigkeit widersteht, davongeht und reist, wird belohnt. Unter der Bedingung, dass er lernt: die Wirklichkeit ist bisweilen nicht zu ändern und dass sie oft auch andere Möglichkeiten bereithält.

Um zu reisen braucht es ein Fortbewegungsmittel. Kein schönes Wort, aber darin stecken „ fort“ und „Bewegung“. Ich bewege mich, also bin ich. Solange wir Illusionen und Neugier haben, hören wir nicht auf zu leben. Die Mutter aller Bewegungsmittel sind unsere Beine. Unverzichtbar, aber leider greifen sie für unsere Reisen zu kurz. Unsere Devise: möglichst oft für Kurzstrecken benutzen. Für die Langstrecke ist unser Wohnmobil langsam genug, dass unsere Sinne folgen können.
23.000 km bedeuten aber auch ca. 2,4 m3 Diesel zu verbrennen. Damit könnte man 3 – 4 Wohnungen einen Winter heizen. Gegenrechnen können wir nur 1 1/2 Monate Gebäudeheizung gespart, einen Wasserverbrauch von etwa 20 Liter täglich für 2 Personen, kein Verbrauch elektrischer Energie für 5 Monate (Ausnahme: 3 Waschmaschinenfüllungen).

Unser Flo macht für uns solche Reisen überhaupt erst möglich: er schützt vor Regen und Kälte, vor Blicken und zudringlichen Zeitgenossen, ist Bett, Küche, Toilette, Leseecke, Schutzhütte auf 3.800 Meter Höhe, Strandhaus am See und eine komplette Wohnung auf gut 5 m2 für 2 Menschen und einen Hund. Es erfordert ein hohes Maß an Ordnung um alles zu verstauen und wieder zu finden. Bekleidung, Essen, Toilettartikel und Medikamente, Bücher und Karten, 2 Kisten Hundefutter und Spielzeug für Leon, Reservekanister, Geschirr und Wasser. Alles in allem macht das ohne uns ca. 3400 kg. Möglich, dass man auch mit leichterem Gepäck reisen kann, aber das ist auch ein Zugeständnis an das Alter und die Bequemlichkeit.

Es kommt der Zeitpunkt wo man spürt, dass man umdrehen muss. Nach all der Zeit, nach mehr als langen 150 Tagen und Nächten setzt langsam Reisemüdigkeit ein. Die Ohren, sonst hellhörig, werden faul und verstopft vom Gehörten, verweigern die Aufnahme. Die Augen werden blind und sind vollgeladen wie ein digitaler Speicher. Man kann aber nichts löschen und es gibt auch keinen Ersatzchip. Wir sind satt, haben keinen rechten Hunger mehr, die Neugier nimmt ab. Wir sind reif für zuhause: für unsere gemütliche Wohnung, die große Dusche mit unbegrenzt Warmwasser und den ganzen Komfort. Eben die Heimat:Der Gang zum Bäcker, 3 Ecken ins Kino, die Familie und Freunde und das warme Gefühl, dazuzugehören. Da können wir unsere Batterien wieder aufladen. Man darf über Politik alles sagen ohne dafür bestraft zu werden und religiöse Frömmler jeder Farbe werden hier in die Schranken verwiesen. Man kann einen Salat essen und muss hinterher nicht auf die Toilette rennen. Man verschwendet keine Zeit für die Suche nach einem Restaurant, das nicht nur eine gefrorene Pizza als einzige Bestellung zulässt (auf der großen Speisekarte). Wo man die Sicherheit hat, dass es im Land auch jeden Ersatzteil fürs Auto, jedes Medikament gegen fast jede Krankheit gibt und wo man in seiner Muttersprache und ohne pantomimische Einlage kommunizieren kann. Nicht zuletzt fährt man ohne aufgehalten zu werden über die Grenze in sein Stammbeisel.

Aber gleichzeitig wissen wir, dass es sich wieder regen wird, das Fernweh, das Ziehen und die Lust auf Abenteuerliches. Keine Reise, nach der nicht schon wieder Pläne für eine weitere gewälzt werden. Solange es die Gesundheit zulässt, solange die Neugier auf die Welt bleibt.
Soweit unsere Wahrheit. Es gibt aber 3 Wahrheiten sagen sie in Asien: meine Wahrheit, deine Wahrheit und die Wahrheit.

Zum Schluß ein Zitat von Steve Jobs. Er riet den Studenten in Stanford nach einem Referat: „ stay hungry, stay foolish“.

Thats it.
Anneliese und Günther samt Leon – der faul im Auto liegt

PS.: einige Gedanken von Andreas Altmann aus seinem Buch „Gebrauchsanweisung für die Welt“ haben uns so gut gefallen, dass sie in unsern Text eingeflossen sind.

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