Archive for Juni 2017

Kirgistans Norden

Wir machen uns auf in den nördlichen Teil Kirgistans, durchqueren auf dem Tien Shan – Highway das gleichnamige Gebirge. Tien Shan ist chinesisch und heißt Himmelsgebirge. Es erstreckt sich von China nach Westen und seine Ausläufer reichen bis Uzbekistan . Entlang des Narynflusses, der sich eine mächtige Schlucht gegraben hat, verläuft die Straße nach Norden Richtung Bishkek. Mehrmals wurde das Gewässer gestaut, im Toktogul – See verschwanden in sowjetischer Zeit 26 Dörfer. Kara Köl wurde als Stadt gegründet um die vielen Menschen, die am Bau der Kraftwerke beteiligt waren, aufzunehmen. Heute verfallen die Plattenbauten. Die Jungen siedeln ab.

Wir verlassen den Highway vor dem Töö Ashuu – Pass und nehmen eine Piste durch das Dshumgaltal nach Kochkor. Das Tal und seine Schluchten sind an Schönheit kaum zu topen. Wir brauchen gut 2 Tage. Einerseits ist die Gegend überwältigend und wir halten oft an, andererseits ist die Piste teils in schlechtem Zustand. 15 – 20 kmh ist unser Schnitt.
In Kochkor besuchen wir Altyn Kol, eine Frauenkooperative. Sie umfasst 600 Frauen, die in Handarbeit gefertigte Filzteppiche herstellen und einen guten Zusatzverdienst erwirtschaften.
Das stärkt die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Die ist aus heutiger Sicht eher problematisch. Die „tugendhafte“ Frau ist stets zurückhaltend und wird schon als Mädchen zu striktem Gehorsam erzogen. Vor diesem Hintergrund muss man die massive Zunahme des „Brautraubes“ sehen. Dieser geht meist so vonstatten, dass der Mann die Frau seiner Wahl (mithilfe einer größeren Gruppe von Männern) auf offener Straße entführt und in das Haus seiner Familie bringt. Das Mädchen kennt oft nicht einmal seinen Entführer. Die weiblichen Familienmitglieder versuchen, das Mädchen mit Drohungen und Verwünschungen dazu zu bringen, in die Ehe einzuwilligen. Dabei versuchen sie ihr den traditionellen Brautschleier anzulegen, dessen Aufsetzen als Zustimmung gilt. Was sich eher wie ein schlechter Witz als bitterer Ernst anhört ist per Gesetz verboten. Trotzdem kommen auf solche Weise noch immer Ehen am Land zustande. Aus Scham wird die Tat kaum angezeigt, ist doch das Mädchen entehrt, wenn es über Nacht in einem fremden Haus bleibt. In der Sowjetzeit wurden „nur“ 20 % der Bräute entführt, aber mit dem Rückfall in archaische Rollenbilder nimmt die Zahl der Frauen, die Entführung und Zwangsheirat widerstandslos hinnehmen, massiv zu. Ein widersprüchliches Bild Kirgistans, das uns doch so gut gefällt. Das einzige Land Zentralasiens mit einer Demokratie, das auch die Menschenrechtserklärung der UNO unterschrieben hat. Alles nur Papier?

Kaum wieder auf der Hauptstraße nach Bishkek stoppt uns wieder einmal eine Polizeistreife. Fahren ohne Licht am Tag auf einer Hauptstraße macht 5.000 Sol oder € 70,0 . Wir haben Gelegenheit unsere neue Strategie gegen überzogene Strafen zu testen. Anneliese nimmt die Kamera, macht Fotos vom Polizeiauto und dem Beamten. „No Fotos“, rufen die 3 erschrocken. Wir wollen nur in Bishkek nachfragen , ob die Strafe in dieser Höhe rechtens ist. „Sorry about my bad English, I mean 500 Som, not 5.000“ . Wir zahlen und löschen die Bilder. Allgemeines Aufatmen bei den Polizisten, ein Grinsen bei uns über unseren Sieg. Man wünscht uns noch eine gute Reise. Jemand erzählt uns, dass man viel Geld zahlen muss um bei der Exekutive eingestellt zu werden. Der Lohn ist sehr gering. Aber mit dem Streifenwagen und dem Radargerät ausgestattet hinter einer 40iger Tafel auf vierspuriger Fahrbahn versteckt, bringt die Butter aufs Brot.

Nördlich vom Issyk Kol See verlief eine Hauptader der Seidenstraße und traf sich hier mit einem anderen wichtigen Karawanenweg aus dem Süden. Von Indien über Kashgar und Naryn verlief dieser Zweig. Doch nicht nur Handelsware sondern auch Teppich – Handwerk von hier gingen nach West und Ost. Auch unsere vertrauten Obstsorten, Stein – und Kernobst stammen ursprünglich aus dieser Region. Der See schafft ein günstiges Mikroklima, ist der doch flächenmäßig 11x der Bodensee.
Heute spielt neben dem traditionellen Handwerk der Tourismus eine zunehmende Rolle. Die 4 – 5 Tausender des Tien Shan ziehen viele Alpinisten an und nicht wenige Einheimische arbeiten als Berg- und Wanderführer, in Jurtencamps und als Reitpferdehalter.

ganz liebe Grüße an daheim – wir werden noch einige Tage in Kirgistan bleiben und dann gehts westwärts durch Kasachstan

AuGuL

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Ist ein umwerfendes aber zugleich anstrengendes Erlebnis. Bei Begegnungen mit den Uzbeken erfahren wir viele Freundlichkeiten, Hilfsbereitschaft und Neugierde. Nach einem „shake hands „ mit beiden Händen ist die erste Frage „akuda?“ Aus Austria! Weitere Fragen bleiben aus Verständigungsgründen offen, stoppen aber kaum den Redefluss der Leute. Mehr Auskünfte braucht die Polizei an den häufigen Checkpoints – aber immer freundlich. Ganz wichtig wären die Registrierungen, heißt es. Man bekommt sie bei Übernachtungen in den Hostels in Form von kleinen Zetteln mit Stempel. Vorausgesetzt es wird in Fremdwährung ($) bezahlt. Da wir oft „wild“ übernachten haben wir nur die Hälfte der nötigen Zettelchen. Dass wir an der Grenze für die fehlenden Strafe zahlen werden erweist sich aber als falsch. Unsere Nachtplätze sind oft eine Weide oder Flussufer und nie werden wir von den Bauern abgewiesen.

Ein eigenes Kapitel ist das Tanken. Ganz Uzbekistan fährt mit Gas – vom Kleinwagen bis zum Sattelschlepper. Nur wenige ausländische LKW’s benötigen Diesel wie wir. Den gibt es aber nicht. Wir fahren in jede Tankstelle mit Dieselzapfsäule meistens erfolglos. Wir halten Ausschau nach parkenden ausländischen LKW’s vor Werkstätten. Dort gibt es hin und wieder Diesel aus Kanistern vom Schwarzmarkt. Die Qualität ist ein Lotteriespiel, doch da wir doppelt filtern sind wir halbwegs sicher vor Wasserbeimengung.

Tashkent ist die Hauptstadt und gibt uns einige Rätsel auf. Die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten erweist sich als schwierig wenn man mit Hund unterwegs ist. Die Metro soll schöne Stationen haben, aber die Benützung für uns drei ist unmöglich, weil verboten. Desgleichen kommen wir in keinen der vielen städtischen Parks hinein. Selten gelingt es uns einen Platz auf der Terrasse von Restaurants zu bekommen, weil Hunde nicht erlaubt sind. Islam und Hund gehen einfach nicht zusammen, besonders nicht hier in Tashkent, dass sich so gerne modern und westlich geben will.

Das Preisniveau in Uzbekistan ist sehr niedrig. Die einfachen Hostels sind billig, auch der tägliche Einkauf kostet wenig bis auf Ausnahmen: das 1/4 kg Bohnenkaffee soll 69.000 Som kosten. Mehr als das Essen im Restaurant für uns beide um 44.000 Som (€ 5,50). Geldwechsel erledigen wir am Schwarzmarkt weil der Wechselkurs das doppelte an uzbekische Som bringt als in der Bank.

Am Markt beobachte ich eine Frau mit einer Räucherschale. Sie besucht jeden Stand, räuchert und bekommt dafür eine Tomate, etwas Obst oder Gewürze. Weil Anneliese gerade zwischen den Ständen einkauft lasse ich auch unser Auto räuchern. Sehr wichtig in diesem adergläubigen Land, in dem es keine Fordwerkstatt gibt und demnächst in Kirgistan Autoversicherungen unbekannt sind. Sicher ist sicher.

Über einen Pass erreicht man das Ferganabecken, ein dicht besiedeltes Gebiet. Viele Kanäle und einfache Wasserräder bewässern die Felder. In Marghilan schauen wir uns noch die dortige Seidenmanufaktur an und verstehen, dass bei so vielen Arbeitsschritten Seide ihren Preis hat.

6 km nach der Grenze zu Kirgistan erreichen wir Osh. Die Stadt umschließt einen schroffen Hügel, der schon seit 3.000 Jahren als Kultstätte dient. In einer winzigen Moschee sitzt ein Männlein, das sofort gegen eine Spende für dich zu beten beginnt. In den Felsen gibt es eine schmale Höhle in die man kriechen kann und seine Gesundheit zurückerhält. In kleinere Löcher kann man auch nur seine Glieder stecken und sie werden gesund. Anneliese hält ihre Hand mit der lästigen Warze hinein und siehe da – kein spontaner Erfolg. Eine Rinne wird von Frauen mit Kinderwunsch genutzt. Im Laufe der Jahrhunderte ist der Stein glatt poliert worden.
In Osh beginnt auch der legendäre Pamir Highway, eine gut ausgebaute Straße über das Alay – und Pamirgebirge. Sie führt über einige der höchsten Straßenpässe überhaupt. Wir folgen ihr bis Sary Tash über den 3.615 Meter hohen Taldykpass. Vor uns ausgebreitet liegen die 6.000er des Hohen Alay. Höchster Gipfel ist der Pik Lenin mit 7.100 Meter. Auf der Sary Tash Hochebene auf 3.100 Meter beginnt gerade die Almsaison. Viele Herden genießen das erste Grün. Pferde, Schafe, Ziegen, Rinder und Yaks freuen sich wie wir über den strahlend schönen aber frischen Tag. Beim Aufstehen hatten wir – 0,5 Grad. Abseits der Straße errichten Bauersleute gerade die Jurte für ihr Sommerlager. Wir können mithelfen, das Gerüst aufzustellen. Danach wird die Filzummantelung fest mit dem Holzrost verbunden und fertig ist die Jurte. Es kommt noch die Einrichtung und ein Teppich als Fußboden. Das Almleben kann losgehen. Als Lohn für unsere Hilfe gibt es eine Flasche vergorene Milch, die ich lieber nur koste.
Von hier führt eine Straße nach Osten zur chinesischen Grenze und weiter nach Kashgar. Auf dieser Route werden Waren aus China per LKW schnell und kostengünstig in den Westen und nach Russland transportiert. Hier ist sie wieder, die moderne Seidenstraße. Vom letzten Pass mit 3.745 Meter schauen wir nach China hinein. Nicht ohne rein gedanklich eine Fortsetzung dieser Reise durchzuspielen. Egal, dieses Mal müssen wir umdrehen.

Ein Satz noch für unsere Inge: aus China kommt uns ein sehr bekanntes Fahrzeug entgegen. Es ist ein Rotelbus voller Abenteurer, der die weite Strecke von Peking bis Europa unter die Räder nimmt.

Ganz liebe Grüße an unsere Familie und Freunde

Anneliese und Günther samt Leon

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